Texte / Presseartikel

 

Katalogtext geplant für "Wiesbadener Fototage - Wagnis Fotografie" 2011 (aus Termingründen nicht veröffentlicht)
Dr. Elke Ullrich Nassauischer Kunstverein Wiesbaden
Göbels 1999 begonnene und fortlaufende Arbeit „Mein öffentliches Leben“ zeigt ein großformatiges Selbstporträt des Künstlers, hinter dem sich in Aktenordnern persönliche Daten und Fakten seines Lebens befinden. Solche so genannten sensiblen Informationen verschwinden in der Regel gut verschlossen im eigenen Büroschrank. Die Möglichkeit im Kunstraum öffentlich Einsicht in persönliche Zahlen zu nehmen scheint den Betrachter zunächst zu einem voyeuristischen Schatzgräber des Datenschutzes zu machen. Zugleich stellt sich die Frage, wie viel Persönlichkeit des Künstlers durch Rechnungen und offizielle Papiere preisgegeben wird. Göbel trat mit dieser Arbeit lange bevor die Generation Facebook die Diskussion um Öffentliches und Privates zu ihrem derzeitigen Höhepunkt brachte, die „Flucht nach vorne“ an, in dem er scheinbar essentielle Informationen zu seiner Person greifbar machte. Die insgesamt 133 Aktenordner werden im Laufe seines Lebens weiterhin mit bürokratischen Daten zu füllen sein, die persönliche und künstlerische Entwicklung nimmt in anderen Formen parallel dazu ihren Lauf.

 

Katalog
Katalog als PDFdatei (2.4mb)

mit Texten von Bernhard Balkenhol und Barbara Heinrich
Herausgeber: Sparkassenstiftung Hessen Thüringen
56 Seiten, dt/en, Auflage: 500

 

Katalog "Michael Göbel" 2010
Barbara Heinrich

"Die Behauptung, daß jeder Mensch einmalig sei und in sich eine unersetzliche Einzigartigkeit trage ist falsch; was mich anging, nahm ich auf jeden Fall keine Spur dieser Einzigartigkeit wahr. Man müht sich zumeist vergeblich ab, individuelle Schicksale und Charaktere zu unterscheiden. Die Vorstellung von der Einmaligkeit der menschlichen Person ist nur eine pathetische Absurdität. Man erinnert sich an sein eigenes Leben, schreibt Schopenhauer irgendwo, kaum besser als an einen Roman, den man irgendwann gelesen hat. Ja, so ist das: Kaum besser." (Michel Houellebecq 'Plattform')
Mit diesem Zitat von Michel Houellebecq verweist Michael Göbel auf die zentralen Themen seiner Arbeit: die Beziehungen zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, das Spannungsfeld von Individualität und Konformität, das Verhältnis zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und nicht zuletzt die Frage nach der Entstehung von Identität.
Der Begriff Identität (entlehnt vom lateinischen īdem „derselbe“) bedeutet zunächst einmal die Übereinstimmung von etwas mit sich selbst. Identitätsbildung beinhaltet all jene Prozesse, die ein Subjekt entstehen lassen und seine Fähigkeit, sich innerhalb eines sozialen Kontextes auszudrücken. Folgt man den Thesen des Kulturtheoretikers Stuart Hall, dann ist Identität kein einheitliches Konzept, sondern eher ein Schnittpunkt, das Ergebnis der Spannung zwischen ideologischen und psychologischen Prozessen. Deshalb kann Identität nicht als innere Wahrheit betrachtet werden, sondern ist von Zufällen bedingt und unaufhörlich veränderbar. Trotz dieser flüchtigen Natur muss das Subjekt, um handlungsfähig zu sein, Haltungen oder geistige Verfassungen einnehmen, die wir als Identität bezeichnen. Diese Haltungen haben eine je spezifische Geschichte und sind abhängig von einer andauernden Auseinandersetzung mit der Umwelt und sich selbst.
Welche Faktoren spielen im Prozess der Identitätsbildung eine Rolle? Welche Haltungen nehmen wir an und wie bringen wir sie zum Ausdruck? Wie entstehen Ansichten und wie individuell sind sie? Bei der Untersuchung dieser Fragen bilden Fotografie, Zeichnung und Skulptur die Arbeitsschwerpunkte von Michael Göbel, wobei die verschiedenen Medien sich stets inhaltlich verschränkt präsentieren und formal häufig als Installationen zueinander gestellt werden. Die Skulpturen des Künstlers sind verkleinert nachgestellte Rekonstruktionen realer Gegebenheiten, die auf exakter Fotorecherche basieren. Mit diesen im Format reduzierten Szenarien und Modellen stellt er ironisch soziale Wertigkeiten und Statussymbolik in Frage und hinterfragt Verortungen im Sinne von Ansichten oder Standpunkten. Seine Arbeitsweise ist geprägt von einem Wechsel zwischen Innen- und Außenansicht, sowohl öffentliche Orte als auch private Räume werden auf ihren Bedeutungsgehalt hin untersucht.
Das traute Heim, die eigene Wohnung, das Zuhause also, wird herkömmlicher Weise als vom Bewohner individuell geprägter Raum verstanden. Hier richtet man sich nach dem je eigenen Geschmack ein, verwirklicht seine Vorstellungen von Behaglichkeit, Funktionalität und Komfort. Die Skulptur Zuhause (2002), im Maßstab 1:32 gefertigt und im Raum schwebend wie eine Fata Morgana, thematisiert diesen kollektiven Traum vom Eigenheim. Zu sehen ist ein normiertes Fertighaus mit geschlossenen Fassaden und montierter Satellitenschüssel, umgeben von einem Gartenzaun und den obligatorischen Requisiten: Schaukel, Kamingrill, Wäschespinne und Carport für den BMW-Kombi. Das Ensemble aus Gips, Holz und Pappe ist mit braunem Brillux Mattlack gleichförmig eingefärbt, ja geradezu uniformiert. In diesem abwaschbaren cleanen Finish erstarrt die Kleinskulptur zur zynischen Karikatur ihrer Versprechungen.
So auch die Interieurs dieser Eigenheime, die der Künstler in verschiedenen Arbeiten darstellt. Die Serie Bedrooms (2007) besteht aus Markerzeichnungen, die Innenansichten verschiedener Schlafzimmer zeigen. Jedes der Zimmer ist mit einem Bett (ordentlich gemacht mit Überdecke und Schmuckkissen), Nachttisch und kleinen Kommoden ausgestattet. An den Fenstern hängen Vorhänge, an den Wänden Bilder. Die Einrichtung unterscheidet sich in nur wenigen Details und lässt keinerlei Rückschlüsse auf die Persönlichkeit des jeweiligen Inhabers zu. Weder liefern diese Zeichnungen irgendeine Art von wirklicher Information noch fördern sie den Wissensprozess. Durch solch eine Inszenierung wird die Möglichkeit von Erkenntnis über die wahre Identität eines anderen Menschen in Frage gestellt, denn es entsteht kein Bild einer konkreten Person. Was wir sehen, ist lediglich eine Repräsentation.
Die Skulpturen Storage I + II (2008) wiederum sind Verkleinerungen von Schrankwänden, die man so oder ähnlich in unzähligen Wohnzimmern finden wird. Aufgestellt zum Zweck der Aufbewahrung sollen sie zugleich möglichst repräsentativ sein. Und auch wenn sie sich im jeweiligen Design unterscheiden – Gelsenkirchener Barock oder Bauhaus-Kopie – sind sie ein Synonym sowohl für den Massengeschmack im Wandel der Zeiten, als auch für die Konformität, mit der wir unsere Wohnungen einrichten.
Kathedralen (2001) ist ein Ensemble von neun verschiedenen Sitzmöbeln en miniature: ein Klappstuhl, ein Barhocker, ein Freischwinger à la Marcel Breuer, ein Bürostuhl, verschiedene Varianten von Esszimmer- und Küchenstühlen, ein Schaukelstuhl und der stapelbare Gartenstuhl Modell Memphis. Auf je einem Sockel platziert und mit Spots beleuchtet wirken sie wie Ikonen der modernen Designgeschichte. Ihre einheitlich weiße Färbung jedoch nimmt ihnen den individuellen Charakter. Die Aufstellung im Kreis gleicht einer Endlosschleife: die immer und immer wiederkehrende Reproduktion des immer Gleichen.
Eine Art Zwischenraum zwischen privatem und öffentlichem Raum bilden Hotels. Unpersönlich und auf Funktionalität ausgerichtet, uniform und wieder erkennbar in ihrem jeweiligen Hotelkettenoutfit, versprechen sie dem Gast doch sich wie zuhause fühlen zu können. Anders als bei seinen späteren Skulpturen bringt Michael Göbel in Sauerland Pension (2000) ein reales Objekt ins Spiel. Die Arbeit besteht aus einem Ensemble von zwei Kopfkissen mit akkuratem Knick, die auf einem hölzernen Bord ausgestellt sind. Da ihnen der Überzug fehlt, kann man noch die Gebrauchsspuren der vormaligen Benutzer erkennen. Was sonst nur in der Abgeschiedenheit eines Hotelzimmers dem jeweiligen Mieter (und dem Zimmermädchen) zugänglich ist, wird hier öffentlich gemacht, liefert aber wiederum keinerlei Erkenntnisgewinn. Nur die Wissenschaft der Forensik könnte anhand der Spuren zuverlässige Aussagen über Individuelles liefern. Die Anonymität bleibt gewahrt.
Dass nicht nur das Privatleben, sondern selbst unser Freizeitverhalten normiert ist zeigt die Installation Endlich allein (2008). Auf einer Bank türmen sich drei Sockel und bilden eine Art abstrahierte Berglandschaft, auf deren Gipfel eine kleine menschliche Figur positioniert ist, die einsam in die Ferne schaut. Daneben finden sich, auf edler Kirschholzplatte, die Reste eines heruntergebrannten Lagerfeuers und unweit ein kleines Floss mit Zelt. Kontrastiert wird diese Anordnung durch zwei Markerzeichnungen von anonymen Hochhaussiedlungen. Die Sehnsucht nach dem Ausbruch aus dem Alltagseinerlei paart sich hier mit klischeehaften romantischen Vorstellungen vom Leben in der Natur, von Freiheit und Abenteuer, von einzigartigen Erlebnissen. Sehnsüchtige Projektionen einer saturierten Gesellschaft, die sich ihrer Konformität durchaus bewusst ist und deren Träume nicht zuletzt von einer gigantischen Werbemaschinerie generiert und bedient werden. Wie absurd diese Träume sein können thematisiert die Arbeit Am Strand (2005), die das Phänomen des Massentourismus aufgreift. Auf einer Platte von zwei Metern Durchmesser ist eine komplette türkisblaue Ferienanlage montiert. Hinter einem klotzigen Hotelbau mit Balkonen rundum findet sich die Poollandschaft mit Palmen, Liegestühlen, Sonnenschirmen, Bar und Zugang zum Strand. Auf anschauliche Weise wird hier die Paradoxie des Verhältnisses von Individualität und Konformität auf den Punkt gebracht: Die schönste Zeit des Jahres, den Urlaub, der doch etwas Besonderes und Außergewöhnliches sein soll, verbringt man als Pauschaltourist.
Mit dem Thema Freizeit hat sich Michael Göbel auch in anderen Arbeiten beschäftigt, so einer Serie von Zeichnungen mit dem Titel Luna Park. Mit hellem grauem Grafikmarker sind verschiedene Stände und Fahrgeschäfte in lichter und zarter Schraffur wiedergegeben, die keinerlei Handschrift erkennen lässt. Nur aus der Fernsicht gibt sich das Dargestellte in seiner Gesamtheit zu erkennen. Kommt man näher, lösen sich die Formen auf und werden transparent, fast durchsichtig. Die Anonymität der Motive wird durch die völlige Abwesenheit von Menschen noch verstärkt. Ohne Besucher bleiben diese Orte reine Kulisse, offenbaren ihren Charakter als Projektionsflächen. Auch das Modell für die Skulptur Deadlock (Prypjat) stammt aus einem solchen Park. Es handelt sich dabei um ein Riesenrad, das in einem Vergnügungspark der russischen Stadt Prypjat steht. Die Eröffnung des Parks war für den 1. Mai 1986 geplant, fand aber aufgrund der Reaktorkatastrophe im nahe gelegenen Kernkraftwerk Tschernobyl im April nicht mehr statt. Erstarrt und wie einbetoniert in Wand und Boden des Ausstellungsraums thematisiert das Fragment den Supergau, den Einbruch der Realität, der wir in solchen Settings ja gerade zu entkommen versuchen, und gleicht einer Austreibung aus dem Paradies.
Die permanente Auseinandersetzung mit dieser uns umgebenden Realität, das Beobachten der anderen, das bei der eigenen Identitätsfindung eine wesentliche Rolle spielt, wird auf eindrückliche Weise mit der Arbeit Hochstände (2007) untersucht. Jeder kennt diese eigenartigen Gebilde der Landschaftsmöblierung, die ihren Nutzern die Möglichkeit bieten, unbeobachtet beobachten zu können. Im Englischen nennt man sie „Raised Hides“, also erhöhte Verstecke. Der Hochstand ist ein Raum, von dem aus man den Überblick über einen bestimmten geografischen Bereich hat, der zugleich aber vor Einblicken von außen schützt und so eine Art Anonymität im öffentlichen Raum gewährt. Im Maßstab 1:6 verkleinert, gleichförmig rosa eingefärbt und auf gekachelten Sockeln positioniert, werden nun diese Kleinskulpturen zum Klischee ihrer ursprünglichen Aufgabe, denn hier wird die Blickrichtung verkehrt. Neugier, voyeuristisches Vergnügen und die Idee der Überwachung werden in dieser Arbeit dokumentiert und ad absurdum geführt.
Wie viel Öffentlichkeit verträgt das Private und vice versa? Welche Einblicke lassen wir zu und welche werden uns gewährt? Gibt es so etwas wie Einzigartigkeit oder sind unser Verhalten und Empfinden gänzlich geprägt von den Normen und Traditionen der Gesellschaft? Michael Göbel geht es bei seinen Arbeiten nicht um den Kontrast. Sein Thema sei das Individuum, das sich von der Gesellschaft abheben möchte, verdeutlicht der Künstler, und macht zugleich klar, dass dies immer nur innerhalb der Gesellschaft und ihrer Codes funktionieren kann. „Ich sehe bei all meinen Arbeiten immer den Menschen, aber er taucht dann tatsächlich eher selten auf“, beschreibt der Künstler seine Methode. Vielmehr seien es die Spuren, die wohl jeder irgendwo hinterlasse, die schlussendlich in seinen Installationen zu entdecken seien.
Michael Göbels Arbeiten scheinen uns vor Augen zu führen, dass unsere individuell-subjektiv begriffenen Vorstellungen im Grunde erschreckend gleichförmig sind. Seine humorvolle und ironische Herangehensweise offenbart das Scheitern unseres Wunsches nach Einzigartigkeit. Aber eine leise Hoffnung bleibt.
 

Katalog "Michael Göbel" zur Ausstellung Inseln (Gerhardt-von-Reutern-Haus, Willingshausen, 2010)
Bernhard Balkenhol

Inseln

Dörfer sind wie kleine Seen, die von Straßen und Wegen gespeist, sich in der Landschaft gebildet haben. Von den Menschen aus gesehen, die darin wohnen, könnte man auch von Inseln sprechen. Deren Bewohner haben sich hier angesiedelt und auf dem eingenommenen Land ein Gemeinwesen gegründet. Es fasst sie zusammen und schützt sie vor dem Draußen. Auf diesen Inseln haben sich die jetzt Ansässigen wiederum eigene kleine Inseln gebaut, Orte, an und in die sie sich zurückziehen können, wo sie sicher sind vor den Blicken und Zugriffen der Anderen. Darin wiederum, abgetrennt oder über Treppen erreichbar, findet man noch kleinere Orte, die privaten Zimmer, wo jeder ganz für sich sein kann. Geht man diesen Weg weiter, gelangt man zu den Möbeln, den Schubladen und Schachteln, schließlich in die Kleidung bis in den Kopf, den wachen wie den schlafenden.
„Niemand ist eine Insel“, so sagt man sprichwörtlich. Der Dichter und Theologe John Donne hatte Anfang des siebzehnten Jahrhunderts diesen Satz formuliert und weiter ausgeführt: „Jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlands. Wenn ein Erdklumpen ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso wenn es eine Landzunge ist, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes.“ Er wollte darauf aufmerksam machen, wie wertvoll jeder Einzelne für das Gemeingut ist und wie sehr ihn das verpflichtet.
Gleichwohl braucht es offenbar die Grenzen. So jedenfalls sieht Michael Göbel das, der im Rahmen seines Arbeitsstipendiums drei Monate in dem kleinen Schwälmer Dorf Willingshausen verbracht hat. Seine Ausstellung in der dortigen Kunsthalle nannte er vieldeutig „Inseln“.
Michael Göbel zeigt dort Zäune, Hecken und Tore, die die einzelnen Grundstücke und Höfe abschotten. Er zeigt Treppen, deren Von-Wo und Wohin schwer zu identifizieren ist. Und er zeigt beleuchtete Fenster in der Nacht, die die neugierigen Blicke anziehen wie die Mücken das Licht. Er selbst zeigt sich auf der Einladung und dem Plakat als Fremder auf dem Weg ins Dorf, mit seinem gelben „Friesen-Nerz“ wie in eine alte Schwarz-Weiß-Postkarte hinein montiert.
Grundlage all dieser Bilder sind streng dokumentarisch aufgenommene Fotografien. Sie nehmen das Gesehene emotionslos und präzise in Besitz. Trotzdem verorten sie den Fotografen durch die spezifisch bildnerische Gestaltung von Ausschnitt, Blickrichtung und perspektivischer Verzeichnung und zeigen sein Motiv, „was sehen“ zu wollen. Die Bildmotive allerdings verschließen dem Betrachter den Blick, zeigen ihm, dass er draußen steht und eigentlich nichts sehen kann – und soll.
Michael Göbel hat die Fotografien von den verschiedensten Abgrenzungen im Dorf als Vorlage zu großformatige Zeichnungen verarbeitet. Sie geben das Foto allerdings nicht in seiner Farbigkeit wieder sondern in einem kaum sichtbaren Grau. Mit dem Filzstift übersetzt er es graphisch und ohne jegliche Handschrift in eine Parallelschraffur, als würden sich das Motiv, die Mauern und der Bewuchs gegen ihre Sichtbarkeit und tatsächliche Erscheinung wehren. Die Motive gehen in einem zeichnerischen Effekt auf und verwandeln so das Bild in ein Bild vom Bild.
Auch die Fotografien von den Treppenhäusern hat Michael Göbel übersetzt, indem er sie auf bloßes Helldunkel reduziert und auf Glasplatten geätzt hat. Man muss einen bestimmten Winkel finden, um sie überhaupt deutlich wahrnehmen zu können. Geht man ganz nahe heran, löst sich das Bild in kaum noch signifikante matte und glänzende Flächen auf. Wieder aus dem Abstand gesehen, erscheint das Bild wie eine farblose Spiegelung auf einem Fenster, das den interessierten Blick begrenzt.
Und schließlich die Lichtpunkte in der dunklen Nacht, die hell erleuchteten Fenster, auch sie gewähren keinen Einblick. Niemand ist darin zu sehen, beleuchtet sind nur die Grenzen zum Privaten, die Vorhänge und der Fensterschmuck als indirekte Charakterisierung und minimaler Verweis auf die Bewohner.
So geben diese Fenster, ebenso wie die Treppenhäuser und Absperrungen ein Bild ab, das gerade in der spezifischen künstlerischen Verarbeitung mehr als ihr Motiv ist. Das Motiv wird zur Metapher, wodurch sich die distanzierte Sachlichkeit wieder personalisiert, und fragt nach den Menschen und ihren Haltungen wie nach dem Standpunkt und den Projektionen des Betrachters – und das, trotz oder gerade wegen der Widerstände, die dem Betrachtung in den Weg gelegt werden.
Wie gegenständlich und real ein solches Bild auf den Begriff gebracht werden kann, zeigte die zentrale Arbeit in der Ausstellung: der aufgebockte Tanzboden, der sich mit seinen Lampions über dem Trubel des Dorffestes erhebt – auch eine Insel, zum gemeinsamen Tanzen und zu fröhlich ausgelasser oder zärtlicher Zweisamkeit. Allerdings ist es schon Nacht und der Tanzboden verlassen in dunklem Blau. In seiner Größe um die Hälfte geschrumpft und teilweise verschwunden in der Wand, erscheint die Szene wie ein Nachbild, eine Erinnerung an etwas, das – so ähnlich oder prinzipiell? – schon wieder Vergangenheit ist.

 

Katalogtext zur Ausstellung 51°18'49''N 9° 29' 51''E (Kasseler Kunstverein 2010)
Bernhard Balkenhol

Ein Riesenrad auf Raumhöhe geschrumpft und teilweise in die Wand und in den Boden versunken relativiert nicht nur das menschliche Maß sondern auch das Mögliche. Michael Göbels Skulptur „Deadlock“ ist dem Riesenrad in Prypjat nachempfunden. In der russischen Arbeiterstadt des Kernkraftwerks Tschernobyl sollte am 1. Mai 1986 ein Vergnügungspark eröffnet werden, wozu es durch die Reaktorkatastrophe am 26. April des Jahres nicht mehr kam. Seit diesem Tag steht das Riesenrad (wie die gesamte Region) in absolutem Stillstand.
Solche Archäologie von Gegenwart und „versunkener Kulturen“ mag romantisch sein oder sich zu Mahnmalen umkehren, die vor dem Unglaublichen warnen. Michael Göbel geht es um mehr. Denn Ausgangspunkt für die Skulptur sind Informationen und Bilder aus den Medien, die er bereits als eine auf Wirkung spekulierende Auswahl versteht. Er reduziert und glättet sie noch einmal, so dass sie wie exemplarische Modelle verstanden werden können. Farbe, Form und Dimension bekommen symbolischen Charakter und verweisen darauf, dass es sich hier um eine Metapher handelt.
Denn es geht ihm nicht darum, in persönlicher Handschrift die Welt zu kommentieren, vielmehr will er Objekte und Situationen aufspüren – und dann neu erschaffen, die auf grundsätzliche Empfindungen oder Begriffe verweisen, Pattern also, die das besondere Einzelne als das Allgemeine behaupten. Seine Objekte und Orte, auch die auf den Bildern, wollen gar nicht (genau) gesehen werden – so „sauber“ sie auch gearbeitet sind – sie wollen vielmehr die Fläche sein, auf der sich die Projektion der originalen Ereignisse und die der Betrachter treffen.
So kann man seine Zeichnungen, mit leichtesten Graustufen gezeichnet, einerseits als der Realität weggenommene Bilder verstehen und gleichzeitig als Nachbilder im Kopf des Betrachters, der sich bereits abgewendet hat.
Michael Göbel lässt sich in seinen Medien nicht festlegen, macht Zeichnungen, malt Bilder, baut Skulpturen und ganze Räume. Die Hotelanlage („Am Strand“, 2005), das Einfamilienhaus („Zuhause“, 2004) und der Stuhlkreis („Kathedralen“, 2001), Hochsitze („o.T. (Hochstände)“, 2007) oder das Zelt auf dem Floß (in der Installation „wilderness“, 2008) und auch schon die unzähligen Personen aus dem Alltag („Menschen“ / „100 Menschen“, 1997/98), immer sind es konkrete Gegenstände und Prototypen und „endgültige Lösungen“ zugleich.
 

"Reggio Babele - un progetto di scambio artistico-culturale"

(Reggio Emilia 2008)
Sara Montesello

(...)
Michael Goebel, classe 1973, proviene da Kassel (Germania), città in cui attualmente vive e lavora. Nella sua attività artistica ha sviluppato un’abilità manuale capace di piegare alle proprie esigenze comunicative le potenzialità espressive di molteplici tecniche e materiali. La ricerca di Michael ha un taglio antropologico: attraverso l’analisi della condizione interiore dell’uomo si riconosce l’universalità degli stati d’animo, oggettivati tramite la loro trasposizione in elementi reali che si caricano di significati simbolici. (...)
 

"room with a view"

(Kulturnetz Kassel 2008)
Einführung in die Ausstellung, Barbara Heinrich MA

Michael Göbel (Jahrgang 1973) hat in Kassel Freie Kunst bei Professor Lüthi und Visuelle Kommunikation bei den Professoren Ott und Stein studiert.
Seine Arbeitsschwerpunkte sind Fotografie, Malerei, Zeichnung und Skulptur, die inhaltlich stets vernetzt sind und auch formal häufig in Form von Installationen zueinander gestellt werden.
Der Titel der Ausstellung "Room with a View", also etwa "Zimmer mit Aussicht", deutet das Thema schon an. Das englische Wort "view" hat vielerlei Bedeutungen: Anblick, Ansicht, Aussicht, aber auch Absicht, Anschauung, Auffassung oder Betrachtung, Blick, Vorstellung.
Gemeint ist also nicht nur die Auseinandersetzung mit realen Räumen und ihren formalen Aspekten, also der Blick auf etwas, sondern es geht in Michael Göbels Arbeiten immer auch um Einblicke und Verortungen im Sinne von Ansichten oder Standpunkten.
Michael Göbels Skulpturen, wie die hier ausgestellten Hochstände, sind verkleinert nachgestellte, auf exakter Fotorecherche basierende Rekonstruktionen realer Gegebenheiten. Jeder kennt diese eigenartigen Gebilde der Waldmöblierung, die ihren Nutzern die Möglichkeit bieten unbeobachtet beobachten zu können. Im englischen nennt man sie "Raised Hides", also erhöhte Verstecke. Der Hochstand ist ein Raum, von dem aus man den Überblick über einen bestimmten geografischen Bereich hat und der seine jeweiligen Nutzer zugleich selbst schützt – eine Art Anonymität in einem öffentlichen Raum.
Im Maßstab 1:6 verkleinert und gleichförmig rosa eingefärbt erstarren nun diese Kleinskulpturen zur ironischen Karikatur ihrer ursprünglichen Versprechungen, denn nun kann jeder Einblick nehmen - der Betrachter hat den Überblick über das Geschehen. Und um genau diese Umkehrung des Blickwinkels, um das Wechselspiel von Verstecken und Zeigen, von Intimität und Öffentlichkeit geht es in Michael Göbels Arbeiten.
So auch in Sauerland Pension, einem Ensemble aus zwei Kopfkissen, die auf einem hölzernen Bord ausgestellt sind. Was sonst nur in der Abgeschiedenheit eines Hotelzimmers dem jeweiligen Mieter (und dem Zimmermädchen) zugänglich ist, wird hier öffentlich gemacht, einschließlich der Gebrauchsspuren.
Dieser Wechsel von Innen- und Außenansicht setzt sich auch in den ausgestellten Zeichnungen fort, die zum einen öffentliche Räume, wie etwa die Poollandschaft einer Hotelanlage, aber auch Innenräume, also intime Interieurs zum Thema haben (in diesem Fall Schlafzimmer). Mit hellgrauem Grafikmarker sind die Sujets in zarter Schraffur aufgetragen. Nur aus der Fernsicht gibt sich das Dargestellte in seiner Gesamtheit zu erkennen. Kommt man näher, lösen sich die Formen in der Schraffur auf und werden transparent, fast durchsichtig.
Wie privat ist der öffentliche Raum? Wie viel Öffentlichkeit verträgt das Private? Welche Einblicke lassen wir zu und welche werden uns gewährt? Wie entstehen Ansichten und wie individuell sind sie? Um genau diese Fragen kreisen die Arbeiten von Michael Göbel.

 

"Miniaturwelten"

(Kunsttempel 2003)
Einführung in die Ausstellung, Doris Krininger MA

(...)
100 minutiös auf Papierschnipsel schwarz weiß in Öl gemalte Ganzkörperbildnisse zwischen 3 cm und maximal 7 cm Höhe, sowie eine weitere bunt kompakte, auf Holztäfelchen gesetzte Bildnisreihe stellt Michael Göbel dem groß aufgeladenem Image der Porträtmalerei gegenüber. Zeitungsprints, später eigene Fotoaufnahmen liegen jeweils als Ausgangsmaterial seiner Porträtgalerie zugrunde. Die Papierblättchen, schlicht mit Stecknadeln angepinnt finden passgenau in einer Schachtel ihre Aufbewahrung, zu den Farbarbeiten gehört eine Kassette mit dem Fassungsvermögen von je 6 Täfelchen und zur Erleichterung der Hängung hinzugefügt, eine Bohrschablone. Als work in progress konzipiert, löste die noch unbeendete Buntserie, 1998 die schwarz-weiß Reihe ab. Die Häufung der anonymen Porträts ist als visuelle Statistik, in Kleidung Haltung und Auftreten als zeitbezogenes Soziogramm zu lesen. Ein minimaler Kunstgriff, die radikalen Verringerung des gewohnten Volumens irritiert und verlangt genaues Hinsehen wie die Typologien der Winzlinge den bevölkerungsdurchschnittlichen Ist-Zustand malerisch protokollieren.
Unterm Sturz gesichert ruhen 6 „Andenken an Zuhause“ betitelte Modelle. Sie gehören als Indikatoren wohlständischer Existenz zu dem schwebenden Reihenhaus, "Zuhause", welches in leichter Korrektur an der LandbergGartenBahn-Norm ausgerichtet ist. Die 2002 entstandene Werkgruppe basiert ebenfalls auf Fotorecherchen überall zu findenden, von Ortsbezogenheit und Lokalkolorit gesäuberten Privatbesitzes. Aus Gips, Holz und Pappe bestehend und identisch mit einem Ton aus der RAL-Mattlack-Palette eingefärbt, zeigt sich hermetisch abgedichtet, in Bauspareroptik standardisiert das Eigenheim und seine obligatorischen Requisiten. Schaukel, Kamingrill, Wäschespinne, Sichtschutz, Schuppen, Zaun und BMW-Combi referieren familiär ideale Arbeit und Freizeitkonditionen. Im abwaschbar, cleanen Finish erstarren die Kleinskulpturen zur zynischen Karikatur ihrer vermeintlichen Versprechungen. (...)
 
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impressum --- english version --- © m. goebel